"Sindelfinger/Böblinger Zeitung" Bernd Heiden (Sept 2019) 

 

 

 

Gitarren-Meister mit Sitzenbleiberin

 

Böblingen: Peter Autschbach war zusammen mit Samira Saygili zu Gast im AWO-Haus

Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden

Zum Mekka der Akustik-Gitarrenszene hat Thomas Brenner das AWO-Haus gemacht: Internationale Szenegrößen reisen regelmäßig zu Workshop und Konzert an. Mit Peter Autschbach gastierte nach über zehnjähriger Abstinenz wieder einmal einer von Deutschlands bekanntesten Saiten-Männern.....

Denn statt wie sonst einen Solisten erlebt das Publikum ein Duo. Jazzgitarrist Peter Autschbach hat sich weibliche Verstärkung auf die Bühne geholt. Samira Saygili, in Karlsruhe geborene Vokalistin mit türkischen Vorfahren, ist seit einem Jahrzehnt mit dem Gitarristen musikalisch liiert. Bei ihrer AWO-Premiere auf der kleinen Bühne führt sich die Sängerin unverzüglich mit Unikatsanspruch ein: Sie wird doch nicht, nein, sie tut es doch, sie setzt sich auf den Stuhl. Und dort wird sie ihre gesamte Performance 14 Stücke lang bis zur letzten Nummer sitzen bleiben. Im Schneidersitz. Nur das letzte Stück des offiziellen Programms, Nummer 15, das Pink-Martini Chanson

„Sympathique" absolviert sie stehend. Seit Ella Fitzgerald und Joe Pass gab es unzählige Duos aus singenden Damen und Jazzgitarre spielenden Herren, soweit bekannt waren aber die einzigen, die dabei auf einem Stuhl hockten, neben dem Gitarristen das Publikum. Den nahe liegenden Verdacht allerdings, die Sitzenbleiberin wolle damit Seriositätssteigerung erschleichen durch Abgrenzung von allerlei Zappelkolleginnen aus weniger auf Anspruch ausgelegten Musikmilieus als Jazz, den widerlegt das Duo nicht unverzüglich, insgesamt aber gründlich:

Zum Start erweitert „Your Song" von Elton John das unterm Namen Autschbach erwartbare Stil-Menü: Es geht zwischen beiden auch recht poppig zu. Später folgen Jazzklassiker wie „One Note Samba", dazu etliche Eigenkompositionen, die Themen-bereiche anschneiden, die Aussicht auf einen Innovationspreis in der Kategorie Song-Lyrics hätten. „Holobiont" kreist etwa um unser Leben, das wir in der Symbiose mit unseren Bakterien führen.

Neben klassischen Jazzfeelings wie dem swingigen „straight ahead" oder Rubato-Balladen wie „Smile" biegt das Duo auch in ganz andere Genres ab: Die feine Klassik-Gitarre auf dem Knie, schraddelt Autschbach ein Klamottenkisten-Rock'n'Roll-Riff, während Samira Saygili „Shake it, baby, shake it" röhrt. Das ist bereits Nummer 13. Bis dahin hat nicht nur Autschbach zig Master-Gitarristen-Proben geliefert, auch Samira Saygili hat sich längst das Standing einer exzellenten Jazzsängerin gesichert, die von flauschig angehauchtem Pop bis zu swingigem Drive, Instrumentalimitation und Improvisation zig Metiers grandios meistert. Und nicht ihr Stehstreik macht da eine Differenz zu vielen anderen: Mit Autschbach ist sie auch für Musikblödelei zu haben, die keine Ehrfurcht vor Heiligtümern kennt, wie dem bekanntesten Girl der Jazzgeschichte. Das besingt erst mal die Vokalistin in klassisch mädchenhafter Jobim-Bossa-Manier, bis Autschbach sich sprechsingend einschaltet. „Sie geht nur vorbei, ,die blöde Kuh", beschwört er das Strandszenario herbei, auf dem das Ipanema-Traumgirl an ihm vorbei wandelt und ihn einfach nicht beachtet. „Sie läuft vorbei mit ihrem 90-Punkte-Hintern", lamentiert er weiter. Nun aber interveniert Sängerin Saygili: „Warum 90?". Na gut, korrigiert sich der Gitarrist und vergibt die 100. Höchstpunktzahl, das hat nicht nur diese imaginierte Rückansicht, das hat sich auch dieser Konzertabend verdient.

CD Kritik Jazzpodium 2019:

 

"...Hier war ein

Duo im Studio, das durchaus über jene

Qualitäten verfügt, die es aus der übergroßen Durchschnittsmasse

herausheben und Lust auf mehr

macht." (Rainer Bratfisch)